Von der Jungen Union in die Soutane: Wie aus einem Jungpolitiker aus dem Wiesental ein Anglikanischer Geistlicher in Kanada wurde. Die beiden Laufbahnen seien gar nicht so verschieden, sagt er.

"Grüße aus dem Wilden Westen" – mit dieser ungewöhnlichen Anrede beginnt eine Mail, die die BZ erreichte. Ebenso ungewöhnlich war der Inhalt: Der vielen in Schopfheim noch als Vollblut-Nachwuchspolitiker der CDU bekannte André Stephany lässt darin wissen, dass er kürzlich in Vancouver Priesterweihen der Anglikanischen Kirche erhielt. Vom (Jung-)Politiker aus Schopfheim zum Priester in Kanada? Wie es dazu kam, das wollte André Hönig von André Stephany genauer wissen.

BZ: Herr Stephany, ist Politik Teufelszeug?

André Stephany (lacht): Das kommt ganz darauf an, wofür Sie sich einsetzen. Wenn man momentan in die Welt schaut, fragt man sich schon manchmal, was da die treibende Kraft ist. Aber Teufelszeug, nein, das würde ich nicht sagen. Unser Zusammenleben braucht fähige Politikerinnen und Politiker, die ihre Arbeit mit Herzblut machen und braucht mündige Bürgerinnen und Bürger. Und alle, die sich für Demokratie und ein friedliches Zusammenleben einsetzen, verdienen Respekt und Dank, und ich bin wirklich froh, dass die jungen Menschen wieder mehr Verantwortung für die Zukunft übernehmen und Politik aktiv gestalten wollen.

BZ: Sie haben sich jedenfalls von einer möglichen Politikerlaufbahn abgewandt, um Priester zu werden. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Stephany: Dieser Schritt ist mir wirklich schwergefallen und ich denke auch jetzt oft noch gerne an die politisch aktivere Zeit in meinem Leben zurück. In der Sache sind die zwei Laufbahnen manchmal gar nicht so verschieden. Für beide braucht es den Wunsch, etwas verändern zu wollen und für die Menschen da zu sein. In der Politik versuchen Sie das durch die Mitgestaltung der öffentlichen Meinung und Mehrheiten im demokratischen Prozess, in der Kirche durch das Aufbauen von Menschen, die aus einer starken Hoffnung leben und die Gewissheit haben, dass sie als geliebte Kinder Gottes eine wichtige Rolle in dieser Schöpfung haben.

BZ: Wann genau verspürten Sie den Wunsch, Priester zu werden?

Stephany: Oje (lacht). Das war eine lange Geschichte. Ich wollte unbedingt alles, aber nicht Geistlicher werden. Das Gefühl einer Berufung wurde von Jahr zu Jahr mehr, je länger ich in der Kirchengemeinde in Schopfheim aktiv war. Ich hatte den Drang, einfach immer in der Kirche zu sein und mit den Menschen zu feiern, zu lernen, zu wachsen. Ich konnte das Ganze eine ganze Weile von mir wegdrücken, bis mich mein Studium dann nach Durham in Nordengland geführt hat. Dort kam der Moment, als ich einfach "Ja" sagen musste und wenn man Gott einmal den kleinen Finger gibt...

BZ: Warum aber dann ausgerechnet in der Anglikanischen Kirche?

Stephany: Diese Beziehung wuchs über Jahre. Im Rückblick ist mir aufgefallen, dass mein erster Gottesdienst (nach meiner Taufe und Konfirmation), den ich freiwillig besucht habe (ich war nicht so begeistert von Kirche, nicht mal während der Konfizeit), ein Evensong in St. Paul’s Cathedral in London war. Da ist irgendwas passiert. Seitdem bin ich bei jedem Englandbesuch in verschiedenen Kirchen in die Gottesdienste gegangen und völlig verliebt habe ich mich in die Anglikanische Kirche dann während meiner Zeit in Durham. Die Anglikanische Kirche ist ein wunderbares Mittelmaß zwischen Römisch Katholisch und Evangelisch. Die Gottesdienste können zwischen Rockband, über klassisch evangelisch bis hin zu Weihrauch mit Altar nach Osten und komplett gesungener Liturgie alle Formen haben.

BZ: Und warum Kanada?

Stephany: Ja, da fragen Sie mich was. Kanada kam wirklich aus dem Nichts und ich hoffe, der Heilige Geist steckt dahinter. Die Weltkirche fühlt sich manchmal doch an wie ein Dorf. Jemand hat mich an seine frühere Chefin, die Erzbischöfin in New Westminster empfohlen, die mich einlud, in ihrer Diözese den langwierigen Auswahlprozess zu durchlaufen, was ich dankend ablehnte. Aber wie es manchmal so ist: Der Gedanke ließ mich nicht los und so machte ich mal einen Besuch und das war’s dann.

BZ: Gab es schon Reaktionen aus Ihrer alten Heimat auf die Priesterweihe?
Stephany: Viele Freunde freuen sich sehr. Es gab sogar Besuch letztes Jahr zur Diakonenweihe und dieses Jahr zur Priesterweihe. Der engste Freundeskreis ist wie ich natürlich traurig über die Distanz.

BZ: Inwiefern unterscheidet sich die evangelische Kirche von der anglikanischen Kirche?
Stephany: Die großen Unterschiede liegen im Stil der Gottesdienste, die hier in Westkanada sehr viel näher an römisch-katholischen Gottesdiensten sind als an evangelischen. Es gibt tägliche Messfeiern, viele altkirchliche Traditionen und Bräuche (Aschermittwoch mit Aschekreuz, Prozessionen, etc.). Zum anderen ist die Kirchenstruktur anders, auch hier wieder ein Mittelweg. Es gibt einerseits eine starke Hierarchie mit einem Bischof, Bischöfin an der Spitze, gleichzeitig gibt es eine demokratisch gewählte Synode, die bei der Kirchenleitung mitwirkt. Das hat die evangelische Kirche auch, doch der Bischof bei den Anglikanern ist nicht Primus inter Pares (Erster unter Gleichen), sondern im Zweifel oberste Instanz, ähnlich dem Römischen System.
BZ: Vancouver gilt als eine der schönsten Städte der Welt – stimmt das?
Stephany: Gut, dass Sie das nicht vor drei Wochen gefragt haben, da hätte ich noch anders geantwortet. Jetzt, wo der Dauerregen weniger geworden ist und die Sonne rauskommt, ist es eine sehr schöne Stadt. Wir wohnen hier direkt am Pazifik mit dem Strand immer in der Nähe, auf der anderen Seite der Stadt sieht man die schneebedeckten Berge. Die Natur ist atemberaubend. Die Stadt selbst ist halt nordamerikanisch. Meine Kirche ist eins der ältesten Gebäude der Stadt, 1889 gebaut. Ein altes Feuerwehrhaus von 1910 zählt als Sehenswürdigkeit und im Schatten der Wolkenkratzer ist es manchmal bedrückend. Ich denke, die Leute machen es zur schönsten Stadt der Welt. Ich habe bei allen Reisen bis jetzt noch keine vergleichbare Freundlichkeit erlebt.

BZ: Wie lange sind Sie schon in Kanada?
Stephany: Letztes Jahr gab es mehrmaliges Hin und Her und der richtige Umzug war erst am 1. September.

BZ: Haben Sie vor, für immer in Kanada zu bleiben?

Stephany: Mal schauen. Gottes Gedanken sind ja bekannterweise nicht unsere Gedanken.

BZ: Noch betreuen Sie keine eigene Gemeinde. Wie sieht Ihre Tätigkeit derzeit aus?
Stephany: Momentan bin ich einer der Priester an der hiesigen Kathedrale. Meine Aufgaben sind ganz vielfältig und reichen von Pastoralgesprächen, Krankenhausbesuchen, Taufvorbereitungen, Hochzeitsplanung und Beerdigungen über das tägliche Feiern der Messe, Predigen und so weiter. Die Kathedrale hat außerdem ein Essensangebot für Menschen, die auf der Straße leben, schwer drogenabhängig sind oder sich neben den hohen Mieten kein Essen mehr leisten können. Für dieses wunderbare Projekt darf ich einer der geistlichen Begleiter sein. Das erdet. Die Kathedrale wurde weltberühmt durch ihre Vorreiterrolle im Kampf gegen die Ausgrenzung von Aidsinfizierten, für ihren Einsatz für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern und für die ersten Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare in der anglikanischen Weltkirche. Diese radikale und gefeierte Inklusivität hat zu einem enormen und anhaltenden Boom geführt. Mein erster Taufsonntag hier verzeichnete zehn Täuflinge.

BZ: Wie reagieren die Menschen in Kanada auf einen Geistlichen aus Deutschland?
Stephany: Mit Interesse. Die meisten haben Freude, den Dialekt einzuordnen und jeder Zweite kommt dann mit einer Geschichte vom deutschen Opa oder der deutschen Mutter. Ich fühle mich extrem willkommen und man wird auch sofort integriert. Es ist gar keine Frage, dass ich als Neuling in den Gebeten für Staat und Königin natürlich für "Our Land Canada" und "Our Sovereign Lady, Queen Elizabeth" bete. Wer hier gelandet ist, gehört dazu. Kanada hat auch seine Probleme, aber das betrifft stärker den Umgang mit den Ureinwohnern Kanadas, die bis heute unter Rassismus leiden. Auch da bin ich dankbar, in einer Kirche arbeiten zu dürfen, die sich stark für Versöhnung und Wiedergutmachung einsetzt.

BZ: Gibt es etwas an oder in Ihrer alten Heimat, das Sie vermissen?
Stephany: Vieles! Ja klar. Unsere vielen schönen Städte mit historischem Stadtkern, das gute Essen – hier ist es halt doch eine Mischung aus englischer Küche und amerikanischer – , die Familie und Freunde. Und den Flair. Bei uns haben viele Orte oder auch einfach das Sitzen im Café Flair. Hier fehlt das manchmal, wenn man einen Cappuccino bestellt und was kommt, ist ein halber Liter Kaffee im Pappbecher (lacht).

BZ: Beobachten Sie auch die deutsche Politik aus der Ferne?

Stephany: Das tue ich. Die Tagesschau gehört immer noch zum festen Tagesablauf. Ich wünsche mir für alle demokratischen Parteien Stabilität und Kraft, damit sie sich auf das gemeinsame Ringen um eine lebenswerte Zukunft konzentrieren können und dabei möglichst viele Menschen mitnehmen.

André Stephany (31) ist aufgewachsen in Schopfheim und besuchte die Grundschule Wiechs, die Realschule Zell und das Wirtschaftsgymnasium Lörrach. Schon früh war er politisch und kirchlich aktiv – als Kreisvorsitzender der Jungen Union, als CDU-Kreispressesprecher und als Kirchenältester von St. Michael. Stephany studierte Geschichte, Englisch und Theologie in Konstanz, Freiburg, Durham, Basel, Jerusalem und Cambridge. Nach einigen Jahren als Prädikant in der Badischen Landeskirche war er zuletzt am Basler Münster tätig, bevor seine Verbindungen mit der Anglikanischen Kirche dazu führten, dass er nun in der Diözese von New Westminster in Vancouver von Erzbischöfin Melissa Skelton zum anglikanischen Priester geweiht wurde.

André Stephany in Vancouver zum Priester geweiht

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